Friedrich Franz von Unruh:

“Ich klage um Deutschland, nicht weil es besiegt, zerstückt und entmachtet
ist – auch böte Grund genug-, ich klage um Deutschland, weil es sein Wesen
preisgibt. Weil es, verunsichert und verstört, seine Seele verrät. Weil es,
durch maßloses Unglück verwirrt, die Sternstunde der Besinnung versäumt.

Ich klage um Deutschland, weil es seine Herkunft vergißt. Um jenes
Deutschland, wo Überlieferung noch ein dankbar und sorgsam gehütetes Erbe war.
Wo ein Wort noch ein Wort, Recht Recht, Treue Treue, Verrat Verrat und Schande
Schande war. Wo man die dunkle Gewalt kannte, aber Kraft und Mut hatte, sie zu
bestehn. Wo Korruption fremd und Opportunismus verächtlich war. Wo Pflicht
höher stand als Genuß und Armut oder Reichtum kein Wertmaß war. Wo noch nicht
gefragt wurde “Ist Leistung unanständig?” sondern Leistung schwerer als Geltung
wog und “Mehr sein als scheinen” der Grundsatz einer Elite war. Wo es galt, so
zu leben, daß es beispielhaft wirkte. Wo ein Deutscher zu sein, eine Ehre im
Abendland und weithin in der Welt war.

Wo es nur ein Deutschland gab und kein Herausreden auf ein “anderes”
Deutschland. Wo Heimat und Vaterland nicht verfemte Vokabeln sondern
unantastbare Güter waren. Wo sie zu schützen für ehrenvoll galt. Wo der Staat
noch nicht – schizophren – zum Wehrdienst aufrief und Bürgern und Feldherrn,
die ihn verteidigt hatten, ihr Ansehen nahm. Wo Nationalstolz und Weltbürgertum
kein Gegensatz waren, die Besten vielmehr ihre völkische Kraft an menschliche
Hochziele wandten und gerade das als Mission empfanden.

Wo auch Unglück das Band der Nation nicht riß und der Andersgesinnte mehr
als Volksbruder denn als Klassenfeind zählte. Wo mehr als Parteimitgliedschaft
der Charakter wog. Wo “Made in Germany” nicht nur ein Warensiegel sondern, bis
ins hinterste Afrika, eine Wertmarke war. Wo “deutsch” zuverlässig, echt,
unverfälscht hieß. Wo die Urzelle der Nation, die Familie ein Sanktum war und
die “gute Ehe” nicht spießbürgerlich, sondern vorbildlich hieß.

Wo der Dienst am Staat als verdienstlich galt und Gehorsam als ebenso
selbstverständlich wie Widerstand, wenn das Gewissen in Not kam. Wo man
arbeitete um der Arbeit willen und mit Geld nicht zu ködern war. Wo
Ehrerbietung vor Eltern und Älteren, vor Wissen und Leistung und gar großem
Menschentum noch natürlich war.

Ich klage um Deutschland, das Land, in dem Dichtung und Literatur nicht
Politologie sondern Leuchtfeuer der Seele waren. Wo man nicht scheu trug,
“deutsche” Dichtung zu sagen, weil das dem oder jenem als “reaktionär” oder
“restaurativ” mißfiele. Wo die Namen hoher Denker und Dichter und Dichterinnen,
Seher und Warner gültige Namen waren, weil sie ein Echo hatten und nicht
Verlegenheit oder Hohn auslösten; weil man die tiefsten Erfahrungen, Leid,
Schmerz und Tröstung, Freude und die Schauer des Tragischen durch sie gestaltet
und so das kleine, vergängliche Dasein zur Dauer und ins Sinnbild erhöht fand;
weil man ihr Wissen und Werk als unerschöpflichen Kraftquell kannte und – dank
ihrem Geleit vor subversiven Mächten geschützt – sicherer über die Erde ging.

Ich klage um Deutschland, dessen Musik einen Himmel über die Völker hob und
– noch nicht atonal entstellt – die Menschen ergriff, erschütterte und
vereinte.

Ich klage nicht um ein fiktives, erträumtes, nie dagewesenes Land sondern
ein miterlebtes, das – stärker oder schwächer – im Kaiserreich, in der Weimarer
Republik und trotz allem und allem im Dritten Reich und danach noch vorhanden
war und erst – Zug um Zug, Jahr um Jahr – entschwindet.

Ich klage – ein Lebender – namens derer, die dieses Land geliebt und –
rechten oder unrechten Meinens – für es gewirkt, gekämpft und gelitten haben
und ihm bis zum Tode die Treue hielten. Ja ich glaube, es mischen sich
in meine Klage die Stimmen aller, denen Deutschland, als das “Heilige römische
Reich Deutscher Nation” längst versunken war, immer noch heiliges Land und mit
Hölderlins Wort das “Herz der Völker” geblieben ist.”